Brasilien fördert Alkohol statt Öl im Verkehrssystem
Ethanol aus Mais: Brasiliens Weg zur Unabhängigkeit
In Brasilien wird mittlerweile mehr als 30 Prozent Bioethanol im Benzin verarbeitet, was das Land weniger anfällig für Preisschwankungen auf dem Ölmarkt macht. Dennoch gibt es auch kritische Stimmen zu diesem Thema. Célio Riffel, ein deutschstämmiger Sojabauer, steht inmitten seiner hohen Maispflanzen und zeigt stolz auf einen leuchtend gelben Kolben. “Vor etwa 20 Jahren war der Maisanbau kaum rentabel”, erinnert sich Riffel, der in Mato Grosso im Nordwesten Brasiliens 900 Hektar bewirtschaftet. Als er vor 40 Jahren aus dem Süden Brasiliens in diese Region zog, pflanzte er Mais lediglich als Zwischenfrucht auf seinen Sojafeldern. Doch das tropische Klima, die Verwendung von Düngemitteln und die ausgedehnte Regenzeit ermöglichen mittlerweile mindestens zwei Ernten pro Jahr. “Die Kolben sind der Star auf meinen Feldern. Hier wächst die Zukunft Brasiliens”, sagt Riffel. “Seit die ersten Ethanolfabriken hier errichtet wurden, hat sich unsere Realität grundlegend verändert.” Tatsächlich wird 100 Prozent seiner Maisernte zur Produktion von Bioethanol verwendet, was Brasilien weniger anfällig für geopolitische Spannungen und Preisschocks macht. “Ohne Ethanol wäre der Preisanstieg infolge des Nahostkonflikts viel gravierender gewesen”, erklärt der Großfarmer und deutet auf seine Felder. “Das ist eine große Revolution: weniger Schadstoffemissionen und tiefere Produktionskosten.”
Zunahme des Maisanbaus
Obwohl Brasilien bei der Verkehrswende auch auf Elektromobilität setzt, liegt der Schwerpunkt weiterhin auf Ethanol. Das Ethanolprogramm wurde in den 1970er-Jahren unter dem Militärregime nach dem Ölpreisschock ins Leben gerufen. Ziel war es, die Abhängigkeit von importierten leichten Kraftstoffen zu verringern. Früher wurde Ethanol hauptsächlich aus Zuckerrohr gewonnen, doch in den letzten Jahren hat Brasilien die Produktion aus Mais erheblich gesteigert, da das Land mittlerweile der drittgrößte Maisproduzent weltweit ist. Dies hat zu einem rasanten Anstieg der Ethanolproduktion geführt. Heute fahren alle Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor mit einem Benzin-Ethanol-Gemisch, dessen Anteil kontinuierlich erhöht wurde und mittlerweile über 30 Prozent pro Liter beträgt. Flex-Fahrzeuge können sogar vollständig auf Ethanol umschalten. Dadurch muss Brasilien weniger Treibstoff importieren, sagt Bruno Maier, Nachhaltigkeitsdirektor der Inpasa-Gruppe, die in Sinop die größte Maisraffinerie der Welt betreibt: “Brasilien wird das Land mit dem höchsten Ethanolanteil im Benzin sein und dadurch weniger abhängig von Treibstoffimporten.” Angesichts der aktuellen Energieunsicherheiten und Kriege sichert dies die Unabhängigkeit Brasiliens und schützt es vor geopolitischen Handelskonflikten.
Ethanol im Diesel
Bruno Maier sieht eine große Zukunft für Mais-Ethanol, nicht nur als Kraftstoff für PKWs, sondern auch in Bereichen, in denen die Dekarbonisierung an ihre Grenzen stößt, wie in der Luftfahrt, der Schifffahrt oder der Chemieindustrie. “Auch Riffels Traktoren könnten in Zukunft mit Ethanol betankt werden”, hofft Maier. Zu diesem Zweck wird Biodiesel, das zu 16 Prozent dem Diesel beigemischt wird, in der Ethanolproduktion gewonnen. Zudem produziert die Raffinerie ein Nebenprodukt: DDGS, ein eiweißreiches Tierfutter, das bisher hauptsächlich von den USA exportiert wird. Brasilien hat bereits erste Exporte nach China durchgeführt. Kurz gesagt, Brasilien strebt an, seine Klimaziele mithilfe der starken Agrarwirtschaft zu erreichen. Das CTC, das weltweit größte private Forschungszentrum für Zuckerrohr, behauptet sogar, dass ein mit reinem Ethanol betriebenes Auto im Vergleich zu einem mit Benzin betriebenen Fahrzeug nur etwa die Hälfte an CO2 pro Kilometer ausstoße. Laut Maier gibt es in einem so großen Land wie Brasilien Regionen, in denen der Ausbau einer funktionierenden Infrastruktur für Elektromobilität unrealistisch ist.
Zunehmende Monokulturen?
Der Wissenschaftler und Ex-Sojabauer Antonio Andrioli von der staatlichen Universität da Fronteira Sul, der sich heute mit nachhaltiger Landwirtschaft beschäftigt, äußert jedoch Bedenken. Seiner Meinung nach stimmt die Rechnung nicht. “Wo Kraftstoff wächst, wachsen keine Lebensmittel”, sagt er und vermeidet bewusst die Begriffe “Bioethanol” oder “Biodiesel”, da diese einen biologischen Ursprung implizieren, was irreführend sei. Er warnt vor dem Risiko, dass für Monokulturen noch mehr Wald abgeholzt wird, und bemängelt, dass Monokulturen die kleinbäuerliche Produktion verdrängen, die für die Lebensmittelversorgung entscheidend ist. Dies verstärke die bereits extreme Konzentration des Landes in den Händen weniger Großgrundbesitzer. Riffel hingegen widerspricht: “Der Großteil der Produktion erfolgt auf Brachland oder ehemaligen Weideflächen, also auf Flächen, die bereits lange ungenutzt sind.” Die Riffels, die vor 100 Jahren aus dem Hunsrück nach Brasilien ausgewandert sind, bewirtschaften heute 900 Hektar und halten zudem eine gesetzlich vorgeschriebene Waldreserve.
Vom Landwirt zum Kraftstoffproduzenten
Tatsächlich hat Brasilien in dieser Hinsicht oft einen schlechteren Ruf als die Realität vermuten lässt, sagt auch Paulo Guedes, Energieexperte beim Instituto E + Transição Energética, einem Thinktank für die Energiewende. “Brasilien hat das Potenzial, Biokraftstoffe nachhaltiger zu produzieren und damit tatsächlich zur Emissionsminderung beizutragen.” Die Herausforderung besteht darin, die Lieferkette transparenter und effizienter zu gestalten. Riffel plant unterdessen, aktiver in der Produktion tätig zu werden, anstatt nur Rohstoffe zu liefern. Gemeinsam mit 36 anderen Agrarunternehmern hat er in der Nähe von Sinop in eine eigene Ethanolfabrik investiert – unterstützt von Zuschüssen der brasilianischen Entwicklungsbank BNDES. Die Produktion soll im Juli beginnen. “In zehn Jahren”, hofft der Farmer, “werde ich die Investition von umgerechnet drei Millionen Euro wieder eingespielt haben.”